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Brückenbauer Schmiede

11. Juli 2026 · Sarah

Ich bilde mir das nicht ein

Als Kind habe ich alles gespürt — und gehört, dass ich mir das einbilde. Es hat dreißig Jahre gedauert, bis ich meiner eigenen Wahrnehmung wieder geglaubt habe.

Ich wusste immer schon, wie ein Raum sich anfühlt, bevor jemand etwas gesagt hat.

Ich kam zur Tür herein und wusste: hier ist gerade gestritten worden. Ich sah ein Lächeln und spürte den Kummer dahinter. Ich hörte „mir geht’s gut“ und wusste, dass es nicht stimmte. Nicht weil ich klug war. Ich habe es einfach gefühlt, so wie man Wärme fühlt oder Kälte.

Als Kind habe ich das ausgesprochen. Ich habe gesagt, was ich wahrnahm, weil es für mich so selbstverständlich war wie die Farbe des Himmels.

Und dann kam der Satz.

Sarah, du bildest dir das ein.

Ich habe ihn oft gehört. Nicht aus Bosheit — von einem Menschen, der selbst nie gehalten wurde und keinen Platz hatte für ein Kind, das noch tiefer schaut. Heute verstehe ich das. Damals hat es etwas in mir umgedreht.

Denn wenn ein Kind immer wieder hört, dass das, was es spürt, nicht da ist, dann lernt es nicht, weniger zu spüren. Es lernt, sich selbst nicht mehr zu glauben.

Der Panzer

Ich habe angefangen, alles aufzusaugen. Jede Stimmung, jede Angst, jeden Druck im Raum. Ich war so voll mit dem, was anderen gehörte, dass für mich kein Platz mehr war. Und irgendwann habe ich einen Panzer gebaut.

Er hat mich beschützt. Wirklich. Er hat getragen, was zu schwer war, und er hat mich durch Jahre gebracht, die ich sonst nicht durchgestanden hätte. Ich bin ihm bis heute dankbar.

Nur hat er mich auch von mir selbst getrennt. Jahrelang bin ich durch mein Leben gegangen und habe funktioniert. Ich war zuverlässig, ich war schnell, ich habe alles gehalten. Gefühlt habe ich fast nichts.

Ein Wort, das erklärt — aber nicht heilt

Vor ein paar Jahren ist mir ein Wort begegnet. Hochsensibilität.

Ich habe gelesen und gelesen und zum ersten Mal verstanden, was mit mir ist. Aber das Verstehen fand hier oben statt, im Kopf. Ich hatte eine Erklärung. Ich hatte kein Zuhause.

Begreifen ist nicht fühlen.

Es hat noch einmal Jahre gedauert, bis es von meinem Kopf in meinen Körper gerutscht ist. Bis ich es nicht mehr nur wusste, sondern spürte — im Bauch, in der Haut, im Brustkorb. Erst da wurde es wahr.

Was ich heute anders mache

Ich fühle nicht weniger als früher. Ich fühle mehr. Aber ich frage inzwischen etwas, das ich als Kind nie gefragt habe:

Ist das meins?

Manchmal steht jemand neben mir und ist voller Unruhe, und ich merke, wie sie in mich hineinläuft. Früher hätte ich sie mitgenommen, tagelang, und geglaubt, sie sei meine. Heute darf ich sie da lassen, wo sie hingehört.

Ich habe an einem vollen Sommertag am Fluss gestanden, zwischen lauter Menschen und lauter Stimmungen, und zum ersten Mal ganz bewusst entschieden: ich bleibe jetzt bei mir. Es hat funktioniert. Ich bin danach ins Wasser gegangen und war leicht.

Das ist nichts, was ich gelernt habe, weil ich es wollte. Es ist gewachsen, weil ich angefangen habe, mir selbst wieder zu glauben.

Was mir keiner gesagt hat

Dass das Spüren nie das Problem war.

Ich war nicht zu empfindlich. Ich war nicht zu viel. Ich habe genau richtig gefühlt — in einer Umgebung, in der niemand hinschauen konnte, was ich da fühlte. Das ist ein Unterschied, und es hat mich Jahrzehnte gekostet, ihn zu verstehen.

Heute ist genau das, was man mir ausreden wollte, das Wertvollste, was ich habe. Ich lese Räume. Ich höre, was zwischen den Worten liegt. Ich finde Sprache für Zustände, die andere fühlen und nicht benennen können.

Es ist nicht immer leicht. Es gibt Tage, an denen ist alles zu laut und ich muss mich zurückziehen, und das darf so sein.

Aber ich weiß wieder, was ich spüre. Und ich glaube mir.

Wenn heute ein Kind zu mir käme und sagen würde, was es wahrnimmt — ich würde ihm nicht sagen, dass es sich das einbildet. Ich würde sagen: Erzähl mir mehr.